Die Strasse gehört den Draufgängern - Straßenverkehrsordnung in Peru


Lima ist… ...riesig, laut, gegensätzlich, kriminell, gefährlich, dreckig, teilweise baufällig, überlaufen von Menschen und vor allem verkehrsintensiv.
Wer hier von A nach B kommen will, muss zum einen Geduld und Zeit aufbringen. Zum anderen wäre es von Vorteil am besten mehrere Schutzengel und eine draufgängerische Art zu haben, die die sonstigen Verkehrsteilnehmer so sehr beeindruckt, dass sie sich an einen anpassen, statt umgekehrt.

Öffentliche Verkehrsmittel
In Lima gibt es keine Straßenbahn mehr. Die politischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte haben den Rückbau veranlasst. Statt dessen gibt es neben einer einzigen Bahnstrecke quer durch die Stadt unzählige Busse. Was ich nicht verstehe ist, wie die Leute wissen, welcher Bus sie dort hin bringt, wo sie hin wollen. Neben den kommunalen Buslinien fahren unzählige private Busse in allen Farben und Größen, die die Fahrziele auf ihre Seitenwände geschrieben haben. Ein(e) Türsteher(in) öffnet und schließt und wirbt führ den Bus. Dabei ist egal ob der Bus steht oder fährt. Zur Hauptzeit sind die Busse so voll, dass man denkt, dass die Leute sich darin stapeln.
Als ich den Bus benutze, fallen mir einige Dinge auf:
- Es gibt mit Verkehrskegeln abgesperrte Busspuren, die die stadtteil-eigenen Ordnungshütern (nicht die Polizei!) für die Busse frei machen und andere Verkehrsteilnehmer vollpfeifen oder anbrüllen, die sich doch in die Spur mogeln.
- Selbst die Busfahrer sind nicht vor der Reglementierung der Ordnungshüter geschützt. Aus irgend einem mir unerfindlichen Grund hat der Busfahrer des Linienbusses 301 den Zorn der Miraflores-Ordnerin auf sich gezogen. Dabei hat er nur seinen Job gemacht in dem er angehalten und die Fahrgäste einsteigen lassen hat. Ich kann es vielleicht dann erst verstehen, wenn ich besser spanisch kann.
- Die Wartenden Busgäste stellen sich in einer Schlange an. Als ich ungläubig aus der Schlange trete, da ich nicht weiß, ob es der richtige Bus ist, werde ich von den anderen wieder in die Schlange komplementiert.
- Das Ticket kostet 1,50 Soles (weniger als 0,50 Euro).
- Im Bus stellen sich die Alten provokant vor die jungen Menschen, bis diese aus Anstand den Sitzplatz frei machen. Klappt nicht immer, dann wird mit Worten nachgeholfen.

Die zig Arten des Hupens
Im Straßenverkehr gibt es bestimmte Situationen, in denen ich als Kraftfahrer durch den Einsatz der Hupe Aufmersamkeit erzeugen möchte. Grob gesagt: 1.) „Achtung!“, 2.) „Vorsicht!“ und 3.) „Grüß dich!“. Ich bin gewohnt diese Signale nur sparsam einzusetzen, da ich sonst öffentliches Ärgernis errege. In Lima verhält man sich gegenteilig. Hier erlebe ich, was es noch für weitere Möglichkeiten gibt. Und das Zurückhaltung mit Nachsehen gestraft wird. Die Geräuschkulisse ist daher beträchtlich.
Es folgt eine Auswahl an Deutungen für limanische Hupsignale: „Ich will…“ 4.) „… die Fahrspur wechseln.“, 5.) „… abbiegen.“, 6.) „…, dass du mein Fahrgast bist.“, 7.) „ …, dass du nicht zu nah auffährst.“ und 8.) „…, dass du dich an meine Verkehrsregeln hältst.“. Diese sind verwandt mit 9.) „Ich war zu erst hier.“ und 10.) „Ich komme.“.
Diese Signale werden von Sender und Empfänger nicht gleichermaßen gedeutet. Das sieht man am Äußeren vieler Fahrzeuge: Beulen, Schrammen, rostige Stellen, mehr oder weniger gut gelungene Reparaturversuche und wohl auch an der hohen Unfallquote.

Doppelt hält besser – Ampel plus Verkehrspolizist ergibt die ultimative Signalgebung?
Ich stehe mitten in Lima als Fußgänger an einer Kreuzung und möchte auf die gegenüberliegende Straßenseite gelangen. Jede Fahrbahn hat mindestens zwei Spuren und eine Busspur.
Ich stelle mich an den Zebrastreifen und warte bis die Fußgängerampel grün wird.

Was macht die Ampel? Vorausschauend ist die Ampel auf dem gegenüberliegend aufgestellt. Neben dem Farbsignal rot, (für Kraftfahrer zusätzlich orange) und grün ist ein Anzeige angebracht, die in der entsprechenden Farbe die Ampelphase in Sekunden runterzählt.

Was machen die Verkehrspolizisten? Ausdrucksstark gestikulierend und mit der Trillerpfeife rhythmisch, laut, Luftintensiv anstoßend laufen sie zielstrebig über die Fahrbahn und tragen dazu bei, dass auch außerhalb der Ampelphase die Fahrzeuge und Fußgänger stehen oder sich bewegen. Diese Widersprüchlichkeit von Ampelsignal und regulierendem Verkehrspolizist spielt den draufgängerischen Verkehrsteilnehmenden natürlich in die Karten und diese machen (fast) alle, was sie wollen.

Was machen die Kraftfahrer? Lastkraftwagen, Busse, Taxis, Motorräder, sonstige motorisierte Fahrzeuge der Marke Eigenbau … sie alle spielen mit dem Gashahn und lassen ihre Motoren aufheulen, wie kurz vor dem Start eines Rennens. Selbst wenn die Ampel gerade dir Farbe wechselt, wird die Geschwindigkeit nicht abgebremst. Wie gut das es die Hupe gibt, die immer eingesetzt werden kann, wenn die Situation ausweglos erscheint.

Was machen die Fußgänger? Wer den richtigen Moment abpasst, kann auch bei „rot“ die Straße überqueren. Schließlich wird der Kraftfahrer keine Zeit damit vergeuden wollen, die Überreste der Fußgänger von seiner Windschutzscheibe wischen zu wollen. Manchmal steht man dann eben mitten zwischen 2 Fahrspuren und knapp am Körper rassen die Vehikel an einem vorbei. Ebenso passiert es, dass man komischer Weise bei „grün“ warten muss, weil die Fahrzeuge einfach weiter fahren.

Ich bin froh, dass ich es von zu Hause etwas anderes gewohnt bin. Aber ein Erlebnis ist dieses tägliche Verkehrsspektakel alle mal. Hauptsache ich überlebe die limanische Straßenverkehrsordnung. Der Spruch „Ein Verkehr wie in London“ wird bei mir jetzt in „Ein Verkehr wie in Lima“ umformuliert.

Kommentare

  1. Hey Christoph!
    Da schaue ich heute früh aus lauter Neugier in deinen Block und entdecke einen neuen Bericht von dir! Danke! Deine bildliche Beschreibung des Verkehrs in Lima hat mich ja mitten ins Geschehen versetzt. Ich weiß immer noch nicht, wie ich über die Straße gekommen bin und ob noch alles heil ist. Unvorstellbar für uns.
    Lieber Christoph, pass gut auf dich auf und wir denken ganz oft an dich! Liebe Grüße aus Heiligenstadt

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    1. Hi Judith,
      Ich bin bis jetzt immer heile über die Strasse gekommen :-)
      Bin jetzt in den Anden. Grüße aus Huaraz

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  2. Ich kann mich Judith nur anschließen. Du beschreibst deine Erlebnisse so bildhaft, das ich das Gefühl habe, dabei zu sein. Ich spüre die Hektik und höre den Straßenlärm. Sei immer hellwach und schärfe deine Sinne. In Gedanken bin ich immer bei dir und schaue bis jetzt täglich nach, ob es was neues gibt. Sei lieb gegrüßt
    Beate

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    1. Hi Pati,
      ich werde deinen Rat zu Herzen nehmen. Denn auf meinen Körper zu achten ist auch ein Thema des nächsten Blogs.
      Andensche Grüße aus Huaraz :)

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